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Mali: Wasserballet und Schlammschlacht

Über ein schmutziges Geschäft in Mali

Es ist 5:00 Uhr morgens. Auf dem Marktplatz vor der großen Moschee in Djenné ist es noch still und kalt. Unter dem schwachen Licht einer Straßenlaterne studiert ein einsamer Schüler den Koran. Auf einer Lehmbank sitzend folgt er mit seinem Zeigefinger konzentriert den Versen. Etwas entfernt von ihm stehen drei Jungen im Schatten der Laterne. Noch kann man es nicht erahnen, aber alle wissen es: heute wird es passieren!


visualJeder friert am ganzen Leib. Oumar läuft den gesamten Platz ab, auf der Suche nach Ästen und anderem brennbaren Material, um ein wärmendes Feuer zu entzünden. Wenig später erklingt der Aufruf zum Gebet. Männer in bunten Boubous kommen scheinbar aus dem Nichts durch die engen Gassen auf den Platz gelaufen. Die Stadt erwacht. Am Rand des Marktplatzes beginnt das alltägliche Leben. Die Dogon-Frauen, die ihre berühmten Zwiebelknödel verkaufen möchten, beginnen mit ihren Vorbereitungen. Der Boden rund um die Stände wird sauber gefegt, das Feuer entzündet und der Teig gerührt. Die Nacht weicht dem Tag. Es sieht aus, als säße man im Zwielicht eines großen Theatersaals, in Erwartung eines Bühnenstücks. Der Vorhang der Nacht wird aufgezogen und die großartige Kulisse überrascht die Zuschauer. Die Lehm-Moschee von Djenné erblickt in all ihrer Größe das Licht des Tages.


Als Ouvertüre erklingt ein Orchester aus Trommlern, die mit den Fahnenträgern aus der Ferne heranmarschieren. Kurz bevor sie die Moschee erreichen, stimmen sie ein Lied an, das sie schon jahrelang traditionsgetreu singen. Und dann beginnt die „Recrepissage“, bei der dem größten Sakralbau im Sahel von zahlreichen großen und kleinen Helfern ein neues Lehmkleid verpasst wird.


visualFleißige Mädchen schütten Wasser aus ihren Eimern auf die großen Sandberge vor der Moschee. Darin stampfen die Jungen, um die richtige Mischung herzustellen. Die Frauen sorgen dafür, dass der Wasserfluss nicht versiegt. Auf dem Kopf transportieren sie Gefäße aller Farben und Formen, aus denen das Wasser schwappt. Alles geschieht unter den wachsamen Augen der Souffleure, einiger älterer Männer, allesamt Mitglieder der Maurergilde. Mit Lehm und Wasser allein würden sie sich nicht zufrieden geben, erst Hirsespreu und Kuhmist machen die Mischung perfekt. Das Geheimnis der Zusammensetzung hüten sie seit Jahrhunderten wie ihre Augäpfel und geben es nur von Generation zu Generation weiter. Unvorstellbar, dass ein Fremder Einblick in das Rezept erhielte! Einer von ihnen, in einem rosa Boubou und mit dicker Mütze, steckt seinen Finger prüfend in den Matsch, gerade so, als wolle er den Teig eines Apfelkuchens probieren. Er inspiziert den Lehm an seinen Fingerspitzen sehr genau und nickt zustimmend.


visualJetzt wird es eng auf der Dachterrasse. Jeder macht sich ans Werk, selbst die Allerkleinsten helfen mit. Wie Artisten erklimmen die Männer das Gerüst aus Palmenstämmen. Das Verputzen geht nach einem bestimmten System vonstatten. Wie im Staffellauf wandern Schüsseln und Eimer von Hand zu Hand. Klatschend ergießt sich der Matsch über die Wände des Gotteshauses. Überall ist Schlamm, auf den Gesichtern, in den Haaren, auf den Kleidern. Hunderte von Händen streicheln die Moschee schön glatt. In zwei Teams arbeiten sie von beiden Seiten der Moschee aufeinander zu. Ist es ein Wettbewerb? Nein, sagen sie: Wer zuerst fertig ist, hilft auf der anderen Seite mit. Aber ein bisschen stolz sind sie doch, die schnelleren. Am späten Nachmittag senkt sich der Vorhang der Dämmerung über Djenné, die Helfer machen sich auf den Heimweg. Müde, aber glücklich.



Die Moschee in Djenné zählt zu den berühmtesten Bauwerken Afrikas und wurde von der UNESCO im Jahr 1988 gemeinsam mit der Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt. Auf jeder Djoser-Reise nach Mali können Sie selbst prüfen, ob die Renovierung ordentlich durchgeführt wurde. Mehr Informationen zur Reise nach Mali erhalten Sie auf www.djoser.de


Erschienen im Magazin "Unterwegs mit Djoser", 12. Ausgabe, Sommer 2008