Island: Die Grenze der sichtbaren Welt
Island besteht aus Feuer und Eis, viel Wasser und karger Landschaft: eine Landschaft, die die Entstehung der Erde nachvollziehbar macht. Wie die Insel, so markant und eigenartig im besten Sinn des Wortes sind auch ihre Bewohner.
Ein großer Bestandteil der Sagas widmet sich der natürlichen Umgebung. Die allgegenwärtige Urgewalt auf Island und das heidnische Erbe, das die Isländer von den Wikingern übernommen hatten, führte zu einem Glauben an übernatürliche Wesen: „Ghule“, Leichen fressende Dämonen, „afurganga“, Wiedergänger, „Fylgja“, Folgegeister und deren Verwandte, die „móri“ und „skotta“ kennt man. Am meisten hört man die Isländer jedoch über Elfen und Trolle reden.
Das Wohlergehen dieser übernatürlichen Mitbürger wird sehr
ernst genommen und so kümmert sich ein Elfen- bzw. Trollbeauftragter auch um
die Wahrung der Interessen des „verborgenen Volkes“ - und das im Auftrag der
Regierung. Die festangestellte Fachkraft beobachtet dank ihrer besonderen
Begabung die unsichtbaren Wesen und katalogisiert die Felsen und Hügel, in
denen sie sich aufhalten. Zentrale Aufgabe ist, darüber zu wachen, dass keine
Geisterwesen durch Bauvorhaben gestört werden. Im Zweifelsfall müssen eben
bestehende Pläne geändert werden!
So steht zum Beispiel in der Hauptstraße der Stadt
Grundarfjörður zwischen der
Hausnummer 82 und 86 ein Felsen. Hier wohnen die Elfen – natürlich in der
Hausnummer 84. Von Reykjavík baute man eine Straße zur Vorstadt Kópavogur – in
einem weiten Bogen um einen bekannten Elfenhügel herum.
Der respektvolle Umgang mit den unsichtbaren Isländern wird
nicht aus reiner Nächstenliebe gepflegt. Verärgert man sie, in dem man sie zum
Beispiel obdachlos macht oder durch Autolärm vertreibt, können sie für den
Menschen sehr ungemütlich werden. Es heißt, sie wären in der Lage, Bauprojekte
zum Scheitern zu bringen oder Unfälle zu verursachen...
Besonders die knubbeligen Trolle stehen im Ruf, übellaunige und unberechenbare Wesen zu sein. Sie erscheinen in Riesen- oder Zwergengestalt. Erblickt man sie, ohne dass sie es erlaubten, verwandeln sie sich augenblicklich in Steine. Auch in Schweden und Norwegen kennt man sie, dort als bucklige, vierschrötige männliche Wesen. Wohl, weil man in Island die Emanzipation groß schreibt, existieren angeblich sogar weibliche Trolle. Arglose Moossammler sollen sie in ihre Arme und damit ins Verderben gelockt haben.
Wie Stars hingegen verehren die Isländer ihre Elfen. Zum Steinerweichen schön sollen sie sein, glamourös und gerne unmoralisch. Das behaupten zumindest die Männer, die das Glück hatten, für kurze Zeit von einer Elfe auserwählt zu werden.
Ob auch Sie die besondere Gabe haben, in knorrigen Felsen, anmutigen Hügeln und reißenden Wasserfällen Trolle und Elfen zu entdecken, können Sie nur bei einer Reise durch dieses faszinierende Land am Rande Europas feststellen.
Die berühmteste Landestochter, die Sängerin Björk, gibt
offen zu, nicht an die Existenz von Elfen zu glauben. Der Kommentar des
Isländischen Regierungschefs lautet dazu lediglich: „Aus der Gegend, aus der
ich stamme, glauben wir auch nicht an Elfen. Aber an Trolle. Nur sieht sie nicht
jeder.“
Erschienen im 6. Magazin (Sommer 2006)