Argentinien: Gletscher auf dem Vormarsch
Wir
befinden uns im äußersten Südwesten der Provinz Santa Cruz in Argentinien.
Hier, an der Grenze zu Chile, wurde eine knapp 600.000 Hektar große Fläche zum
Naturschutzgebiet erklärt. Der Nationalpark Los Glaciares („Nationalpark der
Gletscher“) trägt seinen Namen zu Recht: Allein in diesem Park befinden sich 47
mächtige Gletscher. Die drei Hauptgletscher bilden der Perito Moreno, der Upsala und der Viedma-Gletscher. Nach Westen fließen sie Richtung Pazifik ab, während sie im Osten die zwei bekanntesten Seen des Nationalparks speisen, den Lago Vietma und den Lago Argentino. Doch wie entstehen solche Gletscher?
In
den höchsten Gipfeln der Anden sorgt feuchte, vom Pazifik kommende Luft für
ständig fallenden Neuschnee, der durch sein Eigengewicht immer dichter
zusammengedrückt wird. Durch diesen Druck bildet sich Gletschereis. Mit der
Zeit ist so das patagonische Eisfeld entstanden - ein Eisreservoir mit
gigantischen Ausmaßen, welches immer noch weiter anwächst. Nach den Polregionen
ist es das größte zusammenhängende Eisfeld der Erde und nimmt nahezu die Hälfte
der gesamten Parkfläche ein.
Ungläubig vor dem Perito Moreno stehend, scheint es unmöglich, dass ein solcher Koloss mit 30 km Länge und 5 km Breite sich bewegen könnte. Und doch kriecht er - zwar langsam, aber stetig - bis zu einem Meter am Tag und entwickelt dabei unglaubliche Kräfte.
Von 1917 bis 1988 konnte man die Folgen dieses ständigen Wachstums in regelmäßigen Abständen ganz unmittelbar erleben, dann nämlich, wenn die Gletscherzunge des Perito Moreno so stark anwuchs, dass sie den Brazo Rico, einen Arm des Lago Argentino, abtrennte. Durch diesen „Eisdamm“ begann sich das Wasser zu stauen, ein Höhenunterschied von bis zu 20 Metern entstand. Der so erzeugte Druck, verstärkt noch durch die Eisschmelze im Sommer, sorgte dafür, dass der Damm schließlich unter Getöse und mit einer Explosion aus Wasser und Eis auseinanderbrach. Unzählige Eisbrocken wühlten den sonst stahlblauen Lago Argentino auf. Seit 1988 ist es nicht mehr zu einem solch starken Wachstum gekommen – bis im März 2006.
In Erwartung des
seltenen Naturschauspiels fanden sich schon Wochen vor dem Dammbruch Menschen
ein und zelteten bei eisiger Kälte vor dem Seearm. Zu verlockend war es, dieses
gewaltige Spektakel mitzuerleben! Dann war es endlich so weit: Die schon stark
von Wasser unterwanderte Gletscherzunge brach mit ohrenbetäubendem Getöse in
sich zusammen. Das Schauspiel dauerte nur Minuten, dann legte sich eine
eigentümliche Stille über den Park. 







Schon wird spekuliert, wann sich dieses Ereignis wohl wiederholen mag. Doch auch ohne einen Dammbruch mitzuerleben, ist das Kalben, das ständige Abbrechen riesiger Eisbrocken von den bis zu 60 Meter hohen Eiswänden, ein einmaliges Erlebnis. Aufgrund seiner einzigartigen Gletscherfelder und des immer noch im Wachstum begriffenen Perito Moreno wurde der Nationalpark Los Glaciares 1981 zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt.
Erschienen im Magazin "Unterwegs mit Djoser", 9. Ausgabe, Sommer 2007