Nicaragua: Im Land der Dichter & Süßkartoffeln
Léon und Granada:Ein Blick durch die kolonialen Haustüren Nicaraguas
Die Einschusslöcher
in der Mauer sind noch da, und der gesprächige Frisör,der nur ein paar
Meter weiter seinen Laden hat,erzählt gerne,wie die dort hingekommen
sind.„Hier wurde 1956 der Diktator Somoza Garcia ermordet “,sagt er und
rutscht plötzlich mit Händen und Füßen auf dem Boden herum. So oder so
ähnlich sei der Diktator gestorben,weiß der Frisör.Hier in Léon,in
diesem Haus,an dieser Mauer,wurde Geschichte geschrieben. 20 Jahre lang
herrschte Somoza Garcia über Nicaragua und trieb das Land in den
Ruin.Gnadenlos plünderte er die öffentlichen Kassen und verteilte den
Reichtum an seine Familie und seine engsten Vertrauten.Die Menschen im
Lande verarmten.Das Elend erreichte unerträgliche Ausmaße.Am 21.9.1956
verkleidete sich der Dichter Rigoberto Lopez Perez als Ober und
servierte im Casa del Obrero dem Diktator das Essen.Als der Dichter
nahe genug war,feuerte er die tödlichen Schüsse ab.Mit dieser Tat wurde
Lopez Perez zum Helden,doch es nützte erstmal nicht viel.Somoza Garcias
Söhne übernahmen die Macht und der Somoza-Clan herrschte noch bis zur
Revolution im Jahre 1979.Lopez Perez musste seine Tat mit dem Tode
bezahlen. Viele Plätze in Leon,der ehemaligen Hauptstadt
Nicaraguas,erinnern an die Diktatur und an die Helden der Revolution.In
der Galeria de Heroes y Martires zum Beispiel hängen die Porträts der
tapferen Männer,die 1979 die korrupte Regierung gestürzt haben.Die
Mütter und anderen Verwandten pflegen liebevoll die Bilder.Wer durch
Léon schlendert, gelangt immer wieder an geschichtsträchtige Orte.
Das Haus,wo das Attentat stattfand,sieht heute immer noch so aus wie damals.Ein Teil des Hauses ist jener Frisörsalon,dessen Inhaber immer wieder die alte Geschichte erzählt.Freundlich ist er,und er wirkt zufrieden – wie die meisten Menschen hier in Nicaragua.Die Alten sitzen in ihren Schaukelstühlen oder halten ein Schwätzchen auf einer Parkbank und nicken lächelnd den Fremden zu.
Léon ist eine
lebendige Stadt mit Charme und einer spannenden Geschichte.Nicht nur
die koloniale Vergangenheit prägt den Charakter der Stadt,sondern vor
allem die Poesie,die in Leon eine Blütezeit erlebte.Berühmte Dichter
wie etwa Rubén Darío haben hier gelebt und gearbeitet.Der 1876 geborene
Dichter gehört zu den bedeutendsten Lyrikern der spanischsprachigen
Welt.
Sein früheres Haus ist heute ein Museum,wo man Fotos,Bücher und andere persönlichen Gegenstände Daríos besichtigen kann und dabei eine Vorstellung davon bekommt,wie der große Dichter früher gelebt hat.Begraben ist Darío in der Kathedrale der Stadt, die heute die größte Kirche in Mittelamerika ist.1747 begann man mit den Bauarbeiten zu dieser riesigen Kirche,erst hundert Jahre später wurde der Bau vollendet. Unsere Tour durch Zentralamerika führt weiter nach Granada,der zweitgrößten Stadt Nicaraguas. Unser Hotel liegt direkt am Parque Central,wo sich das quirlige Leben abspielt.An jeder Ecke stehen kleine Marktstände,an denen man herrliche Fruchtsäfte kaufen kann.Oder man probiert gebackene Schweinehaut mit Yucca und Kohlsalat.Die Wurzel des Yuccabaumes schmeckt ein wenig wie süße Kartoffeln und ist ein idealer Snack.Man kann auch einfach nur ein schattiges Plätzchen suchen und den Menschen zusehen. Granada zählt zu den schönsten im kolonialen Stil erbauten Städten Mittelamerikas.Hell leuchten die pastellfarbenen Fassaden der Häuser,ebenso die farbenfrohen Mauern und Türen.Auf den Straßen, deren Namen in blauweißen Kacheln geschrieben sind,fahren ab und an Pferdekarren vorbei – so als ob sich seit hundert Jahren nichts verändert hätte. Im Museo Antigo Convento de San Francisco kann man sich noch ein bisschen weiter zurück in die Vergangenheit versetzen lassen -in Granadas ehemaliger Universität,die von Diktator Somoza geschlossen wurde,sind Kunstwerke aus der Kolonialzeit und eine große Sammlung von Bildern aus der Epoche vor Colombus ausgestellt.
Nicht nur die Stadt selbst,sondern auch die Umgebung ist atemberaubend.Nur 50 Kilometer westlich der Stadt findet man die schönsten Strände des Stillen Ozeans.Und der Lago de Nicaragua ist direkt vor der Tür.Vom Markplatz ist es nicht weit bis zum Pier,von wo aus man eine wunderbare Aussicht auf den See bewundern kann.Wir steigen in ein Boot und fahren zwei Stunden – bis zur Insel Zapatera. Dort befinden sich große religiöse Skulpturen aus der Zeit zwischen 800 und 1200.Die wichtigsten rituellen Bilder stammen von den Ureinwohnern dieser Insel:den Chototegaindianern.
Der See hat der Gegend hier Wohlstand beschert und ist bis heute noch idyllisch geblieben.Es ist ruhig an den Anlegestellen.Die Stille wird nur unterbrochen von den Pelikanen,die sich immer wieder ins Wasser stürzen – auf der Suche nach Fischen.Im See leben die einzigen Süßwasserhaie der Welt,bis zu drei Meter lang sollen sie sein,doch heute entdecken wir keines dieser seltenen Tiere.Die Sonne senkt sich sanft am Horizont und leuchtet blutrot.Wir bleiben noch eine Weile sitzen,bis dieser Moment verklungen ist.
Erschienen im 3. Magazin (Sommer 2004)
Das Haus,wo das Attentat stattfand,sieht heute immer noch so aus wie damals.Ein Teil des Hauses ist jener Frisörsalon,dessen Inhaber immer wieder die alte Geschichte erzählt.Freundlich ist er,und er wirkt zufrieden – wie die meisten Menschen hier in Nicaragua.Die Alten sitzen in ihren Schaukelstühlen oder halten ein Schwätzchen auf einer Parkbank und nicken lächelnd den Fremden zu.
Sein früheres Haus ist heute ein Museum,wo man Fotos,Bücher und andere persönlichen Gegenstände Daríos besichtigen kann und dabei eine Vorstellung davon bekommt,wie der große Dichter früher gelebt hat.Begraben ist Darío in der Kathedrale der Stadt, die heute die größte Kirche in Mittelamerika ist.1747 begann man mit den Bauarbeiten zu dieser riesigen Kirche,erst hundert Jahre später wurde der Bau vollendet. Unsere Tour durch Zentralamerika führt weiter nach Granada,der zweitgrößten Stadt Nicaraguas. Unser Hotel liegt direkt am Parque Central,wo sich das quirlige Leben abspielt.An jeder Ecke stehen kleine Marktstände,an denen man herrliche Fruchtsäfte kaufen kann.Oder man probiert gebackene Schweinehaut mit Yucca und Kohlsalat.Die Wurzel des Yuccabaumes schmeckt ein wenig wie süße Kartoffeln und ist ein idealer Snack.Man kann auch einfach nur ein schattiges Plätzchen suchen und den Menschen zusehen. Granada zählt zu den schönsten im kolonialen Stil erbauten Städten Mittelamerikas.Hell leuchten die pastellfarbenen Fassaden der Häuser,ebenso die farbenfrohen Mauern und Türen.Auf den Straßen, deren Namen in blauweißen Kacheln geschrieben sind,fahren ab und an Pferdekarren vorbei – so als ob sich seit hundert Jahren nichts verändert hätte. Im Museo Antigo Convento de San Francisco kann man sich noch ein bisschen weiter zurück in die Vergangenheit versetzen lassen -in Granadas ehemaliger Universität,die von Diktator Somoza geschlossen wurde,sind Kunstwerke aus der Kolonialzeit und eine große Sammlung von Bildern aus der Epoche vor Colombus ausgestellt.
Nicht nur die Stadt selbst,sondern auch die Umgebung ist atemberaubend.Nur 50 Kilometer westlich der Stadt findet man die schönsten Strände des Stillen Ozeans.Und der Lago de Nicaragua ist direkt vor der Tür.Vom Markplatz ist es nicht weit bis zum Pier,von wo aus man eine wunderbare Aussicht auf den See bewundern kann.Wir steigen in ein Boot und fahren zwei Stunden – bis zur Insel Zapatera. Dort befinden sich große religiöse Skulpturen aus der Zeit zwischen 800 und 1200.Die wichtigsten rituellen Bilder stammen von den Ureinwohnern dieser Insel:den Chototegaindianern.
Der See hat der Gegend hier Wohlstand beschert und ist bis heute noch idyllisch geblieben.Es ist ruhig an den Anlegestellen.Die Stille wird nur unterbrochen von den Pelikanen,die sich immer wieder ins Wasser stürzen – auf der Suche nach Fischen.Im See leben die einzigen Süßwasserhaie der Welt,bis zu drei Meter lang sollen sie sein,doch heute entdecken wir keines dieser seltenen Tiere.Die Sonne senkt sich sanft am Horizont und leuchtet blutrot.Wir bleiben noch eine Weile sitzen,bis dieser Moment verklungen ist.
Erschienen im 3. Magazin (Sommer 2004)