Verständigung in Japan

„Wie hast du dich verständigt? Auf Englisch?“ ist die am häufigsten gestellte Frage, wenn jemand hört, dass ich in Japan gewesen bin. Mit dem Englischen ist das allerdings so eine Sache. Ich stellte ziemlich schnell fest, dass es damit nicht weit her ist – egal ob jung oder alt, es ist eher selten, dass jemand gut Englisch sprechen kann. Am Anfang scheute ich mich, überhaupt zu fragen, aber nachdem ich keine Lust hatte, vergeblich in der Gegend herumzuirren, fing ich an, Passanten anzusprechen. Eigentlich funktionierte es ganz gut. Ich redete Englisch und der Gefragte antwortete auf Japanisch und irgendwie verstand man sich meistens. Gelegentlich kam es zu kuriosen Begebenheiten. Das Problem dabei waren nicht so sehr mangelnde Englischkenntnisse der Japaner, sondern ihre Hilfsbereitschaft und Höflichkeit. Besonders letztere Eigenschaft verbietet es ihnen, dass sie ihrem Gegenüber etwas Unangenehmes ins Gesicht sagen, wie etwa, dass sie nichts verstehen oder den Weg nicht kennen.
 

Japan2_NicolaGötz_FOCSo z. B. in Takayama. Obwohl man sich in diesem malerischen Städtchen aufgrund seiner Größe und seiner schachbrettartig verlaufenden Straßen schnell zurechtfindet, hatten wir dennoch wieder die Abzweigung zum Hotel verpasst. Wir befanden uns auf einmal in einer wenig befahrenen Straße, es dämmerte bereits und wurde ziemlich kühl. Offensichtlich befanden wir uns jenseits des auf unserer Karte gezeigten Gebietes. Im Grunde brauchten wir nur den Weg, den wir gekommen waren, wieder zurückgehen. Als jedoch plötzlich eine gut angezogene Japanerin aus dem Haus trat und zu ihrem Auto ging, sprachen wir sie an. Sie verstand ganz offensichtlich kein Wort Englisch, war in Eile, starrte auf die Karte und wusste nicht so ganz, was sie mit uns anfangen sollte. Wir betonten mehrmals das Wort „Station“, in der Hoffnung, dass sie vielleicht dieses englische Wort kannte, denn unser Hotel befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Schließlich nahm sie unsere Karte und verschwand in einem Geschäft. Nach einer gefühlten Ewigkeit erschien sie wieder, gab uns die Karte zurück und befahl uns energisch in ihr Auto zu steigen. Wir zögerten. Wo würde sie uns hinfahren? Wenn sie uns zum Bahnhof fahren würde, wäre das hilfreich. Aber woher wussten wir, ob sie das tat?! Wir lehnten schließlich mehrmals ab und nach einigem Zögern akzeptierte sie widerwillig, setzte sich in ihr Auto und fuhr davon. Wir gingen den Weg wieder zurück, verpassten erneut die Abzweigung und fanden in einem Umweg in unser Hotel zurück.
 

Japan3_NicolaGötz_FOCAls ich in Hiroshima in der Abenddämmerung zum Hotel zurückkehrte, traf ich auf Alex. Sie fragte mich nach dem Shukkeien-Garten, den sie am nächsten Morgen vor unserer Weiterreise noch aufsuchen wollte. Da ich gerade genau von besagtem Garten kam und das Wetter so angenehm milde war, beschlossen wir einen gemeinsamen Spaziergang zu machen, bei dem ich ihr den Eingang zum Garten zeigen würde. Am Garten angelangt, entschieden wir uns, noch weiter zu bummeln. An der nächsten Kreuzung konsultierten wir unsere Karte und beschlossen bis zur Burg zu gehen, die nur ca. 10 Minuten entfernt und immer geradeaus die Straße herunter war. Statt jedoch geradeaus weiterzugehen, bogen wir – von uns unbemerkt – in eine große Straße ab und folgten ihr Kilometer für Kilometer völlig versunken in unsere Unterhaltung. Nebenbei beobachteten wir das Geschehen auf dieser Prachtstraße mit breiten Bürgersteigen, großen, teuren, hell erleuchteten Geschäften, Bars, Restaurants und zahlreichen gut gekleideten Menschen. Doch sie endete jäh an einer großen, düsteren Kreuzung. Danach versank alles im trüben Dämmerlicht, denn die Straßenbeleuchtung war auf einmal nur noch dünn gesät, nur wenige Menschen unterwegs und die Verkehrsschilder wiesen auf Örtlichkeiten, die wir hier nicht vermuteten, da wir uns doch in der Nähe der Burg wähnten. Da kam ein junger Mann im schwarzen Anzug schnellen Schrittes daher und wir beschlossen, ihn zu fragen. Schon an seinem Blick sahen wir, dass es ihm gar nicht gefiel, angesprochen zu werden. Er sagte etliche Male abwehrend „sorry“ und wollte weitergehen, wir hatten jedoch schon unsere Karte hervorgezogen und hielten sie ihm unter die Nase. Da es sich um eine Touristenkarte handelte, waren alle Ortsbezeichnungen ausschließlich auf Englisch und in lateinischer Schrift. Er beugte sich über die Karte und schien sie intensiv zu studieren, aber man merkte an seinem verzweifelten Gesicht, dass er damit nichts anzufangen wusste. Schließlich drehte er sie auf den Kopf, deutete per Zufall auf unser Hotel und meinte, dass wir hier seien. Außerdem fügte er eifrig viele „sorries“ hinzu und machte sich schnell davon. Japan4_NicolaGötz_FOCWir bedankten uns höflich, wohl wissend, dass dieser junge Mann keinen blassen Schimmer hatte und wahrscheinlich die europäischen Schriftzeichen nicht lesen konnte. Was nun? Ich drehte mich um und mein Blick fiel auf einen SevenEleven-Supermarkt. Wir betraten den Laden und wandten uns an einen mittelalten Japaner hinter der Theke. Dieser verstand sofort, was wir wollten, markierte mit einem Stift die Kreuzung auf unserer Karte, an der sich der Supermarkt befand. Er kapierte auch, dass wir zum Bahnhof wollten (in dessen Nähe sich auch hier wieder unser Hotel befand) und zeigte uns auf der Karte, wie wir gehen sollten. Etwas unsicher verließen wir das Geschäft und versuchten uns klar zu machen, warum wir uns so derartig verlaufen hatten und wie wir überhaupt hierher gekommen waren. Der Verkäufer hatte uns beobachtet und war uns vor das Geschäft gefolgt. Er zeigte uns noch mal genau, in welche Richtung wir bis wohin gehen und dann abbiegen sollten. Wir bedankten uns und fanden problemlos zurück.
 

Wie man an diesen Anekdoten sehen kann, kamen wir immer an unser Ziel und fanden mit Hilfe der Einheimischen immer das, was wir suchten. In einigen Fällen begleiteten sie einen sogar, um sicherzustellen, dass man nicht verloren ging. Wir waren abends in der Dunkelheit zu viert in Tokio unterwegs, um die Aussicht von der Plattform des Tokyo Metropolitan Government Gebäudes zu genießen. Von der U-Bahn Station Shinjuku hatten wir den Wolkenkratzer noch fest im Blick, als wir aber näher kamen, wussten wir nicht mehr, in welches der zahlreichen Hochhäuser wir mussten und wo sich der Eingang befand. Wir waren bereits in einem falschen Gebäude gewesen und standen etwas frustriert an einer roten Ampel, als jemand aus unserer Gruppe kurz entschlossen einen neben ihr stehenden Japaner ansprach, den sie vorher nicht näher angeschaut hatte. Es handelte sich ganz offensichtlich um einen Obdachlosen: ungepflegt, kaum noch Zähne im Mund, struppige Haare, verschmutzte und zerrissene Kleidung. Er war so erstaunt, dass wir ausgerechnet ihn angesprochen hatten, dass er eine Weile brauchte, um sich von seiner Überraschung zu erholen. Dann zeigte er eifrig geradeaus und nach rechts. Ganz kapiert hatten wir das nicht, aber um der Japan5_NicolaGötz_FOCetwas peinlichen Situation zu entkommen, bedankten wir uns und gingen weiter. Er folgte uns, indem er sich mit einigen Metern Abstand links von uns hielt, um sicherzustellen, dass wir den richtigen Weg nahmen. Sobald wir eine falsche Bewegung machten, eilte er herbei und bedeutete uns, wie wir zu gehen hätten. Während wir uns etwas verfolgt vorkamen, schien er sich verpflichtet zu fühlen, dafür zu sorgen, dass wir unser Ziel auch erreichten. Er gab sich erst zufrieden, nachdem er uns zum richtigen Eingang gebracht hatte. Er verbeugte sich viele Male, nahm scheu lächelnd unseren Dank an und verschwand in der Dunkelheit.
 

Übrigens die einzige Begegnung mit einem ausnahmsweise hervorragend Englisch sprechenden Japaner war auf andere Weise kurios. Ich wollte in einem Supermarkt Onigiri – in Seetang eingewickelte Reishäppchen mit unterschiedlichen Füllungen – kaufen. Aber in diesem Laden waren keine Abbildungen auf der Verpackung, sodass ich nicht wusste, was sie enthielten. Ich sprach eine Japanerin auf Englisch an. Sie lächelte freundlich, überschüttete mich mit einem Wortschwall, drehte sich um und zog einen jungen Mann heran – offensichtlich ihr Sohn. Dieser fragte mich in fließendem Englisch und breitestem amerikanischen Akzent, wie er mir helfen könne. Ich erklärte es ihm, aber anscheinend war er mit japanischen Lebensmitteln so wenig vertraut, dass er jedes Mal erst ausführlich seine Mutter fragen musste, bevor er mir antworten konnte.
 

Fazit: keine Angst vor „sprachlosem“ Reisen in Japan, auch wenn man sich manchmal wirklich „lost in translation“ vorkommt, es funktioniert eigentlich immer irgendwie.
 

Nicola Götz
 

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