Mora Mora

Mora Mora

Diese fast beschwörend gemeinten Worte spiegeln das Leben in Madagaskar wieder. Sie bedeuten das genaue Gegenteil von dem, was wir in Deutschland gewohnt sind und bedeuten: „Langsam, langsam“ oder „Immer mit der Ruhe“. Wir bemühen uns zwar, auf mehr „Langsamkeit“ hinzusteuern, aber dies ist nichts im Verhältnis zu dem, wie es auf Madagaskar gelebt wird. Es bedeutet aber nicht, dass dort nicht oder nur sehr langsam gearbeitet wird. Im Gegenteil, die Arbeit dort ist zum großen Teil sehr schwer, weil die allerkleinsten Hilfsmittel fehlen, die unser Leben in Deutschland angenehmer machen, und sei es nur eine Waschmaschine. Der Alltag in den Dörfern wird bestimmt von den alltäglichsten Handreichungen wie Wasser holen von einem entlegenen Brunnen. Die wirklich kleinsten Kinder schleppen einen 20 Liter Kanister mit Wasser. Dieser war übrigens einmal ein Ölkanister! Er wird ausgespült und mit Trink- und Waschwasser gefüllt. Die Wäsche wird im nächstgelegenen Fluss oder in einer Pfütze gewaschen und zum Trocknen auf die Wiese, an Hängen, auf Bahnschienen etc. gelegt. Die Geburt eines Kindes bedeutet 4-faches Glück. Das klingt erst einmal rührend, bedeutet aber, dass das Kind zwei Arme und zwei Beine mitbringt, um den Eltern zu helfen. Im Durchschnitt bekommt eine Familie 10 Kinder. Wir hatten verschiedene Artikel eingepackt, wie Schulhefte, Seifen oder Bleistifte. Wenn abzusehen war, dass eine überschaubare Menge an Kindern vor uns stand, griffen wir in die Tasche und im selben hatte sich die Zahl verdoppelt. Dabei war es egal, ob wir uns in der Hauptstadt befanden oder in einem Dorf. Der Schulbesuch ist verhältnismäßig teuer. Der Verdienst eines Madagassen liegt bei 200 Euro im Monat, das Schulgeld beträgt 20 Euro.

Der Tourismus auf Madagaskar ist überschaubar. Wir hatten sehr oft das Gefühl, die einzigen Europäer in der Region zu sein und wurden entsprechend bestaunt und angefasst. Oftmals hatte ich während des Besuchs eines Marktes vier Kinder an der Hand, die den Eindruck machten, dass wir eine Abwechslung darstellten und Dorfgespräch für die nächste Woche boten und nicht zum Betteln geschickt wurden. Mit Händen und Füßen haben wir unsere Namen ausgetauscht, die durchaus den unseren ähnlich waren, wie Theodor. Der Besuch eines Fischerdorfes zeigte, dass die Menschen nicht viel haben, aber mit ihrem Leben zufrieden sind, weil sie das große Glück haben, am Meer zu leben. Dies fanden wir mit Hilfe der Übersetzung unseres Reiseleiters heraus. Jeden Tag um 12 Uhr landeten die Fischer mit ihren Booten an, ca. 300 Boote, dann traf sich die Dorfgemeinschaft am Strand, handelte, verkaufte, tauschte, schwatzte, aß gemeinsam. Es wurden große Töpfe mit Mehlbrei gekocht, von dem sich jedes Kind eine Schüssel abholen konnte. Wir haben die schönsten  Fische gesehen, die eigentlich zu schade zum Essen waren, aber die Lebensgrundlage bildeten. Die Tage gleichen sich, aber da es so gut wie keine Außeneinflüsse gibt, gibt es auch nicht die Begehrlichkeiten wie z.B. in Deutschland, wo Werbung, soziale Medien etc. zeigen, was möglich ist. Ich habe zwar beobachten können, dass der ein oder andere ein Handy in der Hand hielt, was dies konnte, weiß ich nicht. Ich nehme mal an, dass es nur die Grundfunktionen hatte, wie das Handy unseres Reiseleiters auch. In den Dörfern habe ich oftmals nicht einmal einen Stromanschluss erkennen können. Die Handys wurden geladen mit einem Solarpanel.

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Der Besuch eines Viehmarktes mit Tausenden von Händlern, Kindern und Zebus war faszinierend. Die Frauen saßen am Rand und boten ihre Speisen an und auf der großen Wiese liefen Männer mit ihren Tieren herum und offerierten sie an, dazwischen noch viele Kinder. Da konnte es passieren, dass ich plötzlich Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Bullen stand.

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Passiert ist zum Glück auch nichts bei unserer etwas unfreiwilligen Einbaum-Tour im Gewitter. Wir brachen morgens auf, um diese besagte Einbaum-Tour anzutreten. Es gibt so gut wie keine geteerten Straßen auf Madagaskar, nur als Verbindung zwischen größeren Städten, und keine Ampeln. Wir rumpelten also mit ca. 30 km/h zwei Stunden auf ausgesprochen unwegsamen Wegen. Dann ging es noch eine halbe Stunde zu Fuß zu dem Fluss, wo die Tour beginnen sollte. Dort sollte es nach einem Picknick losgehen, welches für uns zubereitet wurde. Mit Beginn des Picknicks begann es zu regnen und zwar so stark, dass eine Schule geöffnet wurde, damit wir Schutz hatten. Dort saßen wir dann in den Schulbänken, die wir aus der Zeit unserer Großmütter kennen, und harrten der Dinge. Spontan kam eine Handvoll Madagassen und stimmten heimische Gesänge an, während es draußen sintflutartig regnete und es dazu noch ein handfestes Gewitter gab. Mittlerweile war es 17.00 Uhr und abzusehen, dass es unserem Bus nicht möglich ist, die überfluteten schlechten Wege zu fahren, um uns wieder abzuholen. So blieb nur die geplante Tour im Einbaum. Abends um 17.00 Uhr ging es bei Regen in die 50 cm breiten Booten zu Zweit und einem „Staker“. Wir wurden dann bei Gewitter, Blitzen und Regen etwa 1,5 Stunden den Fluss entlang gestakt. Durch kleine Paddel haben wir versucht, unterstützend tätig zu werden oder aber mit Liedern die Stimmung aufzuhellen. Mittlerweile wurde es dunkel und plötzlich hatten wir unseren Ausstiegsort erreicht. Alles ging schnell, an Land war es nun stockdunkel, es regnete immer noch, wir haben versucht, ein bisschen Geld aus der durchnässten Kleidung für die fleißigen Bootsführer zu zerren und standen dann etwas ratlos am Ufer, dabei zuschauend, wie die Boote schnell wieder verschwanden. Die Umgebung sah nicht danach aus, als dass ein Fahrzeug hier fahren konnte. Zum Glück hatten wir ein paar Lampen dabei, so stolperten wir erst einmal durch Reisfelder, knöcheltiefe Pfützen und unwegsames Gelände. Wir waren alle bis auf die Haut nass. Per Telefon wurde dem Guide eine ungefähre Stelle genannt, wo es einem Range-Rover möglich war, uns einzusammeln. Nach einer halben Stunde tauchten kleine Lichter am Horizont auf, die sich näherten und sich als Auto erwiesen. Wir quetschten uns alle in den Rover, die Fenster beschlugen im selben Moment und ich konnte schemenhaft am Fenster sitzend erkennen, dass wir über Brücken aus Bambus fuhren, die gerade Autobreite hatten. Letztendlich kamen wir nach 20 Minuten bei unserem Bus an, der nun an einer Stelle stand, wo er uns aufnehmen konnte. Um 21.00 Uhr waren wir nach einem wirklich aufregenden Tag wieder im Hotel.

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Zwischendurch haben wir unsere Ahnen bemüht, ein gutes Wort für uns einzulegen. Nach Meinung der Madagassen kommt den Ahnen eine große Bedeutung zu. Da Gott für alle da ist und somit viel zu tun hat, werden die Ahnen angesprochen und nicht Gott bei den Gebeten. Diese werden gebeten, doch mit Gott in Verbindung zu treten und den einen oder anderen Wunsch vorzutragen. Darüber hinaus erhält der Tote ein wirklich aufwändiges Grabmal. So hofft man, dass der Ahne sich richtig Mühe bei der Vermittlung gibt. Nach Auskunft unseres Reiseleiters gibt es vier Ebene für die Madagassen: eine materialistische, intellektuelle, moralische und spirituelle. Letztere steht an erster Stelle, da das Volk sehr arm ist und insofern durch die Anbetung hofft, dass das Leben mit Gottes Hilfe leichter wird. Die Solidarität spielt in diesem Land eine ganz große Rolle. In der Familie ist jeder für jeden da, ungefragt, ohne Gegenleistung, völlig selbstverständlich. Steht ein Mitglied vor der Tür und nistet sich ein, dann erhält er kostenlos Kost und Logis, so lange er möchte. Unser Reiseleiter hat in seinem 3-Zimmer-Haus nicht nur seine Frau und die zwei Kinder wohnen, sondern auch zwei seiner Cousins.

Der Alkohol auf Madagaskar ist ausgesprochen günstig, was aber zum Glück nicht dazu führt, dass das Stadtbild von Betrunkenen bestimmt wird. Im Gegenteil, die Madagassen sind ein wirklich ausgesprochen freundliches Volk. Ausnahmen gibt es immer, aber das Gros ist unglaublich zugewandt und einnehmend. Umso mehr betrübt es, dass dieses Volk seit Jahrzehnten durch ihre korrupte Führung so gebeutelt ist. Es muss Reis aus China importiert werden, um die Menschen satt zu kriegen. Dabei ist das Land reich an Bodenschätzen wie Edel- und Halbedelsteine, Kobalt, Graphit, Öl- und Gasvorkommen, an Heilpflanzen, Edelhölzern und Steinen. Davon profitieren aber nur andere Länder oder korrupte Führungspersönlichkeiten. Unser Reiseleiter warb sehr darum, dass mehr Touristen in das Land kommen und so mehr Geld in das Land bringen und Arbeitsplätze schaffen. Wir haben unsere Besorgungen z.B. fast ausschließlich bei der Bevölkerung getätigt.

Da auf Madagaskar überwiegend mit Holzkohle geheizt und gekocht wird, ist der Baumbestand ernüchternd. Mittlerweile wird aufgeforstet, aber wenn es keine Alternativen zum Brennmaterial gibt, wird es mühsam. Wir haben einige wirklich schöne Nationalparks besucht und auch in einem Naturbach gebadet. Es gibt viele Tiere, die sich aber überwiegend in den Baumwipfeln aufhalten, wie Lemuren, Mausmakis und Indris. In einem Reservat konnten wir auf dem „Spielplatz“ der Lemuren diese mit ihrem Nachwuchs ganz nah sein. Sie waren nur eine Armlänge von uns entfernt. Wir haben aber auch viele Chamäleons, Geckos, Schlangen etc. gesehen. In erster Linie lebt Madagaskar für mich durch seine Bewohner, durch die Andersartigkeit, durch meine Bewunderung, dass die Bevölkerung trotz der Umstände so freundlich und lebensbejahend zu sein scheint. Gerne komme ich der Bitte unseres Reiseleiters nach und werbe hiermit für dieses Land. Ein Abenteuer ist es allemal.

Silke Stender (im Oktober 2019 auf Madagaskar) 

Hier finden Sie eine Übersicht über Djoser-Reisen nach Madagaskar.

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